Lyrikbrücken


Blinde
sind das letzte
dialektische Moment
in einer perfekten
Augenscheingesellschaft

(Bernd Kebelmann)
Titelbild 'Lyrikbrücken'




Die älteste Brückenbaukunst
benutzt die gewölbte Zunge
Ein rechtes Wort genügt
um angstgefüllte Täler zu überwinden
Der erste falsche Zungenschlag
zerschlägt die Wege aufeinander zu

(Bernd Kebelmann, 1993)

Bestandsaufnahme am Jahresende 2020:
Unser Lyrikbrücken-Projekt ruht seit 2013, den drei Lesungen im Berliner Kleisthaus.
Auch seine Dichter sind offenbar in die Jahre gekommen. Leider muss ich an dieser Stelle notieren, dass einige von ihnen, oder der ihnen nahestehenden Helfer bereits verstorben sind.

Ich nenne hier nur die Namen:

Marcel van Male, blinder Dichter aus Antwerpen, verstarb bereits 2009.
Josef Hruby, Kogge-Mitglied und Dichter, Tschechien; er selbst war nicht blind, aber der Begleiter des blinden Dichters Pawel Dvorak, Tschechien, der ebenfalls 2009, kurz nach unserer Leipziger Lesung verstarb.
Rune Torstein Kidde, Dänemark; er verstarb kurz vor seiner Lesung in Berlin, 2013.
Andrzei Bartynski, Polen, war mit auf der Lesereise 2005 und verstarb 2017.
Piotr Szczepanski, Polen; er war bei den Lesereisen 2005 und 2006 unser Koordinator in Polen.
Da Piotr erst vor wenigen Tagen in Danzig verstorben ist, folgt hier, stellvertretend für alle Dichter und Mitarbeiter unserer Lyrikbrücken, die uns bis heute verlassen haben und von denen ich weiß, ein ausführlicher Nachruf.

 

Piotr in Danzig. Erinnerung an eine Freundschaft



Notizen von einer ersten polnisch-deutschen Lyrik-Lesereise, Danzig 2008

1. Das U-Boot-Rennen


Piotr stellt die nächste Runde Danziger U-Boote vor uns hin, in jedem Glas ein Torpedo, kirschrot, kirschrund, lecker: Na zdrowie! Der Chef des Klub „Bolek i Lolek“ in Danzig-Meernähe (Gdańsk-Przymorze) ist zufrieden mit unserer Lesung, Lyrik auf Polnisch und Deutsch. Piotr spricht kein Deutsch, wir kein Polnisch. Also verständigen wir uns über Englisch. Leichter und bequemer klappt es über Maggie, Freundin und Übersetzerin. Sie entwickelt sich zu einer hochbegabten Synchron-Dolmetscherin.
Piotr leitet im Haus seinen Klub und eine Haiku-Werkstatt, organisiert Programme für Lyriker jeden Alters. Wir sitzen im Hinterzimmer um einen großen Holztisch, Piotr und seine Danziger Freunde, dazu Ingo und ich, zwei deutsche Autoren aus Bayern und Nordrhein-Westfalen. Die dritte Deutsche ist Maggie, Lyrikerin aus Süddeutschland, geboren im polnischen Płock. Piotr ist Lyriker, aber auch Manager, ein Künstler mit Bärenfigur und einem Kindergemüt. Am Abend hatten wir alle gemeinsam im Klub Gedichte gelesen, deutsch und polnisch, polnisch und deutsch, Haiku und andere Verse.
Ich kenne Piotr seit 2005, als er half, mein Lyrikbrücken-Projekt in Stettin und Danzig auf die Bühne zu bringen. Die Polen lieben Gedichte. Selbst wir kennen ihre bekannten Dichter, Adam Mickewicz, Wisława Szymborska. Ingo und ich sind still. Wir verstehen fast nichts von der Landessprache. Unser Blick geht von Piotr zu Maggie. Sie ist damit beschäftigt, zwischen Piotr und uns zu vermitteln. Dolmetschen ist eine Passion von ihr, die sie beglückt und erschöpft. Was wir auf Deutsch zu hören bekommen, ist oft eine knappe Zusammenfassung der Wendungen, Kraftwörter, Emotionen, die Piotr schwer übersetzbar in die Runde wirft. Jeder Satz wird von Maggie gewogen, gefiltert und geglättet. Piotr nickt und lacht. Draußen verhallen Schritte, polnische Grüße zur Nacht, während Piotr sein Publikum lobt: Die Danziger mögen Lyrik! Viele verstehen ein bisschen deutsch. Manche Alte sprechen noch etwas Kaschubisch, die Sprache der Pomoranen, in der sich neben dem Polnischen auch deutsche und pruzzische Wörter finden. Wer jung ist und trotzdem Deutsch spricht, studiert am Ort Germanistik. An Danzigs Uni werden wir morgen lesen, im deutschsprachigen Hauptseminar.
Jetzt kreisen um unsere Köpfe die polnischen Wörter wie Fliegen. Das Gespräch dreht sich um das Haiku und seine japanischen Wurzeln, um echte und unechte Dreizeiler, um siebzehn Silben Glück. Piotrs Freunde haben das Wort. Ingo, von Maggie vermittelt, mischt sich ins Gespräch. Auch er ist Haiku-Experte. Die Diskussion wird heißer, bis unser Gastgeber uns mit unmissverständlicher Geste zum nächsten Tauchgang aufruft. Wir lassen die U-Boote fahren und schlucken süße Torpedos.

2. Deutsch-polnische Geografie


Nach der zweiten gelungenen Lesung ist Piotrs Laune gestiegen. Jetzt wird er auf einmal ernst, als bereue er seinen Entschluss zu unserer gemeinsamen Lesereise: Was wisst ihr schon von Polen! Schon meldet sich in unserem Bewusstsein die Großelterngeneration, die den zweiten Weltkrieg erlebt hat, der auf der Westerplatte mit Beschießung der Polnischen Post durch den Kreuzer Schleswig-Holstein begann. Schon blitzen aus der nahen, blinkenden Danziger Bucht, aus unserem tief ins Ostseewasser getauchten Unterbewusstsein Vorwürfe, offene Fragen herauf, wie durch ein Periskop.
Piotr lacht verkniffen und trinkt. Wir lachen verkniffen und trinken. Maggie, immer und überall um das Gleichgewicht der Parteien bemüht, moderiert einen Satz, den Freund Piotr launisch hervorstößt: Er wüsste gern, ob ihr hier in Polen immer noch dabei seid, eure deutschen Wurzeln zu suchen?
Ich suche nach einer Antwort auf Piotrs überraschende Frage. Ich krame meine abgegriffene Landkarte Polens hervor, entfalte sie über den Tisch, Gläser fliegen zur Seite, die U-Boote tauchen ab. Ich tippe mit dem Zeigefinger auf Orte, die mir geläufig sind. Ich suche und finde die deutschen Namen, spreche laut und falsch die polnischen aus. Maggie korrigiert mich. Piotr hört misstrauisch zu. Hier unten, beginne ich, weise auf Hirschberg, po polsku Jelenia Góra, liegen meine Wurzeln, etwa ein Dutzend davon. Die Familie meiner Mutter stammt aus Niederschlesien. Mein Vater war echter Preuße, bei Berlin geboren.
Piotr schnauft und winkt ab. Preußen mag er nicht, und Schlesien scheint ihm weit weg vom Thema. Mein Finger kriecht näher, zur Wojewodschaft Poznań: Hier, in Großpolen, in Waldtal, ein Nest bei Neutomischel, lebten die Eltern von Onkel Heinz, Schwiegereltern von Tante Hedwig aus Schlesien. Maurer Herrmann, der Vater des Onkels, zog nach der Jahrhundertwende, nach Neunzehnhundert bereits in die Hauptstadt. Polnisch oder Deutsch, zur Hauptstadt wollen alle, ob Berlin oder Warschau.
Piotr knurrt und schüttelt die Künstlermähne, Maggie übersetzt: Ich nicht, ich will nach New York!
Ich lasse mich nicht beirren, überquere südlich von Danzig die Weichsel und schiebe den Zeigefinger von Masowien nach Masuren. Ich spüre jenen Reiz, der wohl Generäle befällt, wenn sie durch einen Fingerzeig Armeen verschieben dürfen … Ich stoppe erst bei Lyck, polnisch Ełk: Aus diesem kleinen Ostpreußenstädtchen zog die Mutter der Schwiegermutter, Großmutter meiner Frau bis nach Potsdam. Ich blicke auf Piotr und frage sanft: Von dort kommst du auch, sagt Maggie. Sie hatte es uns verraten.
Piotr ist verblüfft. Er macht ein Gesicht, als misstraue er der Familie, mit der ich durch Heirat verbunden bin: Die Mutter deiner Schwiegermutter, aus Masuren, sagst du? Wie Siegfried Lenz, der Dichter, ein neutraler Zeuge. Meine Schwiegermutter ist nicht so neutral, dem Preußentum eng verbunden, doch das erwähne ich nicht. Maggie fasst meine Erläuterungen in einem Satz zusammen. Piotr holt tief Luft. Bevor ich auf Swinemünde tippen, auf Königsberg zugreifen kann, um weitere polnisch-deutsche Verwandtschaftskontakte zu nennen, beugt sich Piotr über die Karte, tänzelt mit dem Finger zwischen Wald und Wasser umher, weist auf Nikolaiken, ein ostmasurisches Städtchen, auf Polnisch Mikołajki: Und das ist meine polnische Heimat, jawohl, Herr Kommandante!
Piotr steht auf und belädt seine Flotte mit frischen Kirsch-Torpedos. Ich nicke dazu. Wir trinken. Es scheint, wir haben den Ton gefunden, der die Situation entspannt. Also bleibt mir nichts anderes übrig, ich befördere unseren Manager, Lyriker und Freund Piotr zum ersten Offizier.

3. Polnischer Geschichtsunterricht


Das Beste an Piotrs Attacke ist unser gemeinsames Thema. Weitere Gespräche, von Maggie klug vermittelt, werden die launisch beschworene, ernste Vergangenheit zwischen uns hoffentlich erhellen. Vielleicht knüpft sich dabei mit der Zeit ein Beziehungsnetz zwischen Deutschen und Polen, knotig und brüchig, doch es überspannt drei miteinander verwachsene, mit Narben übersäte, lebende Generationen. Wir hoffen alle gemeinsam, es hält unsere Freundschaft aus.
In jedem von uns schlägt ein Herz, meint Piotr. Er strafft sich und beginnt zu singen, halb im Scherz, halb im Ernst, aber laut. Piotr singt die polnische Hymne, an General Dąbrowski gerichtet, mitgebracht aus Italien:
Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben.
Was uns fremde Übermacht nahm, werden wir uns mit dem Säbel zurückholen.
Marsch, marsch, Dąbrowski…
Maggie lächelt und kapituliert. Das muss sie nicht übersetzen. Wir nicken, sie soll sich schonen. Piotr nimmt Haltung an, salutiert. Dann mimt er, weil ihm so ist, den Clown: Jawohl, Herr Kommandante!
Wir gehen hinaus, brauchen frische Luft. Wartet, ruft Maggie uns nach, Piotr will euch etwas zeigen! Ihr kennt doch Adam Mickiewicz? Der Aufstand gegen die Russen, 1830, gegen Zar Alexander III. Damals waren sich Deutsche und Polen einig.
Piotr steht vor uns und balanciert drei U-Boot-Gläser übereinander. Er lässt sie plötzlich fallen und fängt sie in der Luft wieder auf. Eine Zirkusnummer.
Und die alten Formen stürzen ein, zitiert er Adam Mickiewicz aus seiner ‚Ode an die Jugend‘.
Für heute ist Schluss, meint Maggie und gähnt. Gute Nacht auch, sagt Piotr und gähnt zurück.

4. Im Stadtpark von Danzig-Oliwa


Ingo und ich gingen gern bis zur Ostsee. Aber es ist zu weit. Ingo bestaunt den Mond, der riesengroß und rund, nach Art Caspar David Friedrichs aufgeht. Hinter uns stehen die hohen Gebäude des Zisterzienserklosters. Ich weiß einiges über die lange Geschichte zwischen den Deutschen und Polen. Ich habe nachgelesen, das Thema ist viel zu groß. Wir sind eine kleine Künstlergemeinschaft, selten in ihrer Art. Ingo, der Bayer, Maggie, die Schwäbin aus Polen, ich als Preuße mit schlesischem Herzen. Später, auf weiteren Reisen kommen andere, deutsche und polnische Autorinnen fröhlich hinzu. Niemand benimmt sich falsch. Und doch gibt es zwischen denen, die im Westen von Deutschland leben und unseren Freunden aus Danzig eine winzige Kluft. Sie ist Jahrhunderte tief, und sie droht, mit jedem deutsch-polnischen Missverständnis von neuem aufzubrechen.

5. November 2020: Piotrs Arbeit ruht


Dank Maggies starkem Gleichgewichtssinn verliefen die Tage und Abende der ersten Reise friedlich. Und so würde es bleiben. Alle Lesereisen, die folgen würden, haben unsere Freundschaft vertieft, die Kenntnis von Land und Leuten erweitert. Sie sind stets erfolgreich geendet.
Piotr war viele Jahre lang für uns und zahllose andere Projekte als Kulturmanager tätig. So hat er bereits seit 2005 durch Vermittlung von Maggie an meinem europaweiten Projekt blinder Lyriker mitgewirkt. Für die Lyrikbrücken war er der polnische Koordinator. Daraus und aus der Kogge-Arbeit entwickelte sich die Lyrikergruppe QuadArt. Für QuadArt organisierte Piotr sechs Jahre lang Lesereisen in Polen. In den letzten Jahren stand ihm die Danziger Dichterin Gabriela Szubstarska dabei zur Seite. Zwischen Warschau und Danzig fuhren wir, meist entlang der Weichsel, zu zweisprachigen Lyrikabenden mit Musik in Kulturhäusern, Kirchen und Museen. Wir fanden immer wieder ein staunendes Publikum vor. Mehrere Kogge-AutorInnen und die Cellistin Gunilda Wörner beteiligten sich daran. Alle nutzten wir die Gelegenheit, das Nachbarland kennenzulernen.
Noch etwas ist uns gelungen: Durch Vermittlung von Małgorzata Płoszewska, Mitarbeit von Gabriela Szubstarska, Bernd Kebelmann, Barbara Zeizinger und Ursula Teicher-Maier, durch Unterstützung des Kogge-Geschäftsführers Friedrich-Wilhelm Steffen wurde es möglich, unser Mitglied Piotr Szczepański auch in Deutschland am literarischen Leben der Kogge zu beteiligen.

Aus der Fülle seiner umfangreichen lyrischen und organisatorischen Arbeit wurde Piotr plötzlich herausgerissen. Er starb überraschend am 23. November 2020 in Danzig, im Alter von 66 Jahren. Unser Freund war nach Jahrzehnten in Danzig zu einer bekannten, geachteten und umstrittenen Künstlerpersönlichkeit avanciert. Presse und Radio der Stadt berichteten über den toten Dichter. Die Stadtpräsidentin, der Stadtrat würdigten seine Arbeit, Hunderte von Freunden erstatteten ihr Beileid. Was wir den Danziger Stadtrat und seinen Freunden von hier aus sagen möchten: Das Verdienst von Piotr Szczepański für die langjährige Zusammenarbeit von Dichtern aus Polen und Deutschland ist nicht hoch genug einzuschätzen. Wir werden unseren Dichterfreund lange und schmerzhaft vermissen.

 

Ich freue mich über Lob, Anregung und Kritik. Wenn Sie Lust haben, schreiben Sie mir oder rufen Sie mich an.

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Ich bedanke mich für Ihr Interesse
Bernd Kebelmann












Letzte Aktuallisierung: 27.10.2013
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